Die Rückriem-Stelen in Düren:

Schützenstraße

"Düren war nach diesem 10. November eine andere Stadt geworden"

Klirrendes Glas, prasselnde Flammen, zusammenstürzende Mauern: Ein Stück Dürener Kultur wird vernichtet. Am frühen Morgen des 10. November 1938 erlebt die brutale Verfolgung der deutschen Juden einen vorläufigen, für die ganze Welt sichtbaren Höhepunkt. Wie überall im Reich wird auch in Düren die Synagoge angezündet, zerstören SA und SS als Träger des staatlich verodneten "Volkszorns" alles, was ihnen als jüdisch bekannt ist.

"Düren war nach diesem 10. November eine andere Stadt geworden", wird sich später eine Zeitzeugin erinnern.

Es war in der Tat für viele Dürener, christliche wie jüdische, schwer zu begreifen, was da geschah. Seit über 700 Jahren lebten Juden in dieser Stadt, spielten eine bedeutende Rolle im wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben und identifizierten sich mit ihrer Heimatstadt, genau wie ihre Mitbürger.
 


 

Wernerstraße

"Bei dem brauchst du nicht Wache zu stehen, der verreckt ja doch!"

Das 1927 eingeweihte Friedrich-Ebert-Jugendheim der Arbeiterwohlfahrt in der Wernersstraße war ein lebendiges Zentrum der Dürener Arbeiterbewegung. So war es selbstverständlich, dass hier auch die Feier zum 50. Todestag von Karl Marx am 14. März 1933 stattfinden sollte. Aber dazu kam es nicht mehr.

Mitte März 1933 etwa wurde das Heim von SA und SS gewaltsam besetzt und umgetauft in "Schlageter Heim". Albert Leo Schlageter war eine jener Figuren, um die die Nazis mit großem Aufwand (und leider beträchtlichem Erfolg) immer wahnwitzigere Legenden sponnen, die sie zu "Märtyrern der Bewegung" hochstilisierten und damit zu Vorbildfiguren für weite Teile der Anhängerschaft machten.

Dieses Schlageter-Heim wurde in den folgenden Monaten zu einer regelrechten Zentrale des Terrors. Viele Sozialdemokraten, Gewerkschafter, vor allem aber auch Kommunisten wurden hierher verschleppt, verhört, zusammengeschlagen, gefoltert und wieder verhört. Es muss den Nazis ein sadistisches Vergnügen bereitet haben, die Vertreter der Arbeiterbewegung in ihren eigenen Räumen in der Gewalt zu haben.


 

Gerstenmühle

"Am 30. April 1941 ist Düren judenfrei!"

Am 29. Januar 1936 erschien in der Dürener Zeitung ein Artikel mit der Überschrift: "Abschied von einem malerischen Winkel. Der größte Teil der alten Dürener Gerstenmühle wird abgerissen". Begründet wurde der Abriss der Mühle, die an dem Fußpfad zwischen Stürtzstraße und dem Sportplatz am Obertor lag, mit Baufälligkeit. Nur ein kleiner Teil sollte für Wohnzwecke erhalten bleiben.

Eine große Anzahl Dürener Juden hat die Gerstenmühle nicht als "malerischen Winkel", sondern als Sammellager auf dem Weg in die Deportation kennen gelernt, zunächst nach dem Novemberpogrom 1938 in die Konzentrationslager Buchenwald, Sachsenhausen und Dachau, später dann zu den sogenannten "Arbeitseinsätzen" und in die Vernichtungslager Polens sowie nach Theresienstadt. Es wird von Zeitzeugen übereinstimmend angeführt, dass bereits bei der unmittelbar nach dem Novemberpogrom einsetzenden Verhaftungswelle die Gerstenmühle als Auffanglager diente.


 

Amtsgericht

"Recht ist, was dem deutschen Volke nützt, Unrecht, was ihm schadet. Die Quellen, aus denen dieses Recht erkannt wird, sind die Grundsätze und Zielsetzungen des nationalsozialistischen Staates und der den Staat tragenden Bewegung. Das Programm der NSDAP ist daher geltendes Recht."

Die Stele vor dem Amtsgericht in Düren erinnert an ein besonders trauriges Kapitel deutscher Geschichte, das allerdings mit dem Untergang des Dritten Reiches noch lange nicht zu Ende war. Sie steht symbolisch für jenen Teil des terroristischen Unterdrückungsapparates, der nahezu reibungslos funktionierte und der auf lange Zeit den Glauben an die Geltung von Menschen- und Verfassungsrechten bis in seine Grundfesten erschütterte. Nicht zuletzt auf Grund der Tatsache, dass viele dieser Unrechts-Sprecher nach dem Abgang ihrer braunen Herren nur die andersfarbige Robe überzustreifen brauchten, um auch den neuen Herren mit vollem Herzen dienen zu können.


 

LVR-Klinik

 

"Die während der Herrschaft der Nationalsozialisten erfolgten Massentötungen von psychisch Kranken und geistig Behinderten hatten mit einer Euthanasie im eigentlichen Sinne nichts zu tun. Es waren bewusste, gewollte und mit Überlegung ausgeführte Tötungen, die mit hinterhältigen und arglistigen Täuschungen der Kranken und ihrer Angehörigen einhergingen."

Im Oktober 1939 unterzeichnete Hitler einen auf den 1. September zurückdatierten Erlass, der "Reichsleiter Bouhler und Dr. med. Brandt" beauftragte, "die Befugnisse namentlich zu bestimmender Ärzte so zu erweitern, dass nach menschlichem Ermessen unheilbar Kranken bei kritischer Beurteilung ihres Krankheitszustandes der Gnadentod gewährt werden kann."


 

Birkesdorf

"Eine Entlassung der Häftlinge kann nicht befürwortet werden ..."

Birkesdorf ist ein alter Industriestandort, der schon früh eine feste Organisation der Arbeiter hatte. So verwundert es nicht, dass hier eine aktive Ortsgruppe des 1931 gegründeten "Kampfbundes gegen den Faschismus" bestand. In den ersten Monaten nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten wurde das alte Rathaus zum Ausgangspunkt für die unerbittliche Verfolgung der Gegner des Nazi-Regimes. Doch die Arbeiterbewegung wollte nicht kampflos das Feld räumen. So kam es am 4. März, einen Tag vor den Reichs- und Landtagswahlen, im Saale Kratzborn zu einer von 400 Personen besuchten SPD-Versammlung, in der der Redner des Abends, der Birkesdorfer Volksschullehrer und SPD-Funktionär Dr. Pesch, derart deutliche Worte fand, dass der anwesende Polizeikommissar Holz ihm das Wort verbot.


 

Arnoldsweiler

"Hier nach Arnoldsweiler kamen die Gefangenen zum Sterben!"

Ein umfangreicher Barackenkomplex, umgeben von Wachtürmen, gelegen im Nordwesten von Arnoldsweiler: Das war das Kriegsgefangenenlager, eine Außenstelle des Stalag VI in Bonn. Tausende französischer und später russischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter waren hier interniert, und viele hundert von ihnen starben hier unter grausamen Umständen.

Erst als im Sommer 1960 die Toten auf dem Friedhof in der Merzenicher Heide exhumiert werden, um auf der Ehrenanlage in Rurberg ihre letzte Ruhestätte zu finden, wird der breiten Öffentlichkeit das ganze Ausmaß des Massensterbens bekannt: Statt der ursprünglich geschätzten 500 werden schließlich über 1.500 Tote umgebettet. Und es steht fest, dass dies nicht alle Opfer waren, denn viele wurden, wie sich Zeitzeugen erinnern, gar nicht in der Merzenicher Heide begraben, sondern auf einen Lastwagen geladen, um sie irgendwo zu verscharren.


 

Anne-Frank-Gesamtschule

"Es ist ein Wunder, dass ich all meine Hoffnungen nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube."

Ihr Name ist vielen bekannt, dass sie eine Jüdin war und von den Nazis getötet wurde, wissen einige aus Filmen, die im Fernsehen gezeigt wurden. Aber warum wird gerade nach ihr eine Schule benannt, warum soll gerade auf dem Schulhof dieser Schule eine Stele von Ulrich Rückriem stehen?

"Es ist ein Wunder, dass ich all meine Hoffnungen nicht aufgegeben habe, denn sie erscheinen absurd und unerfüllbar. Doch ich halte daran fest, trotz allem, weil ich noch stets an das Gute im Menschen glaube", schrieb Anne Frank am 15. Juli 1944 in ihr Tagebuch, nachdem sie und ihre Eltern jahrelang unter dem Terror der Nazis gelitten hatten. Vor ihnen und ihren Rassegesetzen floh die Familie Frank 1933 von Frankfurt am Main nach Amsterdam, wo sie der Terror bereits 1940 mit der deutschen Besatzung wieder einholte.


 

Gürzenich

"Wenn's Judenblut vom Messer spritzt, geht es nochmal so gut, hängt die Juden, stellt die Bonzen an die Wand."

Die Synagogengemeinde Gürzenich ist in vieler Hinsicht typisch für die ländlichen Synagogengemeinden im Kreis Düren. Ihre Mitglieder waren, wie überall, geachtete Mitbürger, integriert in das gesellschaftliche Leben des Dorfes und an seiner Entwicklung genauso interessiert wie die übrigen Einwohner.

Seit 200 Jahren hatten in Gürzenich Juden gelebt, gearbeitet, Handel getrieben, hatten geheiratet, Kinder bekommen und waren schließlich auf dem jüdischen Friedhof beigesetzt worden, oft genug unter Anteilnahme der katholischen Bevölkerung. Sie waren für ihr deutsches Vaterland genauso selbstverständlich in den Krieg gezogen, verwundet und mit Orden ausgezeichnet worden wie ihre nichtjüdisehen Altersgenossen. Und sie waren für Deutschland gestorben, wie der 20jährige Josef Heumann aus Gürzenich, der im "Gedenkbuch für die jüdischen Gefallenen des deutschen Heeres, der deutschen Marine und der deutschen Schutztruppen 1914-1918", herausgegeben vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, verzeichnet ist.


 

Lendersdorf

"Am Tage des Abtransports meiner Eltern zum KZ durfte ich sie mit Genehmigung der Gestapo Köln besuchen. Meine Eltern, meine Schwester und Familie Lichtenstein wurden zunächst mit der Straßenbahn von Lendersdorf zum Bahnhof Düren transportiert. Vom Bahnhof Düren nach Izbica/Wierpz, Kreis Kastinow, Distrikt Lublin, von wo mich Post erreichte bis August 1942."

Die Thuirs Mühle im äußersten Südzipfel des Stadtteils Lendersdorf ist eine etwa 120 Jahre alte ehemalige Getreidemühle, von deren Komplex jetzt nur noch das Wohnhaus steht. Etwa 1939/40 wurde der Mühlenbetrieb wegen Unrentabilität aufgegeben.

In der Mühle wurden vor allem Juden aus dem südlichen Kreisgebiet zusammengefasst. Ein ehemaliger jüdischer Mitbürger aus Gey erinnert sich: "1941 wurden die jüdischen Bewohner aus Gey, Maubach und Drove lagermäßig in der Thuirs Mühle untergebracht. Meine Eltern lebten dort in einem Raum zusammen mit Carl Lichtenstein, seiner Frau und seinem Söhnchen Rudolph.