Zitruspapiere – Fashion für Orangen

08.10.2021 - 06.02.2022
19:00 - 17:00 Uhr

Ursprünglich aus den regenreichen Monsunländern stammend, kamen süße Apfelsinen durch portugiesische Seefahrer im 16. Jahrhundert nach Europa. Die Anbaugebiete der wärmeliebenden Bäume liegen deshalb in den südlichen Mittelmeergebieten wie Sizilien oder der Region um Valencia, in Kalifornien und zwischen Südafrika und Australien. Bis ins 19. Jahrhundert dürfte jedoch kein Mittel- oder Nordeuropäer Orangen oder Zitronen gesehen, geschweige denn genossen haben. Erst die fortschreitende Mobilität durch Eisenbahn, Schiffe und später durch Lastkraftwagen machten Transporte in unsere Breiten möglich.

Zitrusfrüchte werden vollreif geerntet, da sie nicht wie viele andere Obstsorten nachreifen. Sie sind in diesem Zustand leicht verderblich, anfällig für Schimmelbildung und die Schale durch Druck und Stöße während des Transports leicht verletzbar. Nur ein effektiver Schutz der Orangen während des Transports führt zur erfolgreichen Verbreitung und Erhöhung des Konsums – das war Produzenten bewusst.

Und so tauchten Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Orangenpapiere auf, die durch die gleichzeitige Entwicklung des Holzschliffs schnell zur Massenware avancierten. So konnte jede einzelne Orange in meist noch derbes, aber saugfähiges und noch unbedrucktes Papier gehüllt werden. Stolz auf ihre Produkte, begannen erste Plantagenbesitzer Ende des 19. Jahrhundert in Schönschrift ihre Namen auf das Papier zu schreiben. Durch technologische Entwicklungen im Papierherstellungsprozess wurde Papier in dieser Zeit edler, geschmeidig weich, seidig glatt und bedruckbar.

Mit den ersten gedruckten Motiven versuchten die Orangenbauern in entfernten Kontakt mit ihren Kunden zu treten. Druck und grafische Gestaltung wurden zuerst innerhalb der Familie realisiert, später professionalisiert und an Druckereien übergeben. Die oft laienhafte Gestaltung durch Amateurzeichner genügt selten einem künstlerischen Anspruch, genügte damals aber dem flüchtigen Kaufanreiz. Die reine Funktionalität, der Schutz der Orangen, hatte Priorität. In ihrer Erscheinung sind Orangenpapiere wie schöne Kleider und bieten der enthaltenen Frucht Schmuck und Schutz zugleich.

Drucktechnisch dominierte in Spanien die Lithografie, während Italien den Offsetdruck bevorzugte. Immer reicher und farbenfroher wurden die Bilderwelten auf Orangenpapier, die, an diverse Zielgruppen gerichtet, häufig auch von diesen inspiriert waren. Für den deutschen Markt wurden vorzugsweise Motive wie Struwwelpeter, Max und Moritz oder Darstellungen aus den Märchen der Brüder Grimm gewählt. Leider gibt es in der Geschichte der Zitruspapiere einen wunden Punkt: das immer wiederkehrende „Moro-Motiv“. Eigentlich diente es zur Bewerbung einer Blutorangensorte, deren vollreifes Fruchtfleisch violett-schwarz ist. So bediente man sich als Motiv am damaligen vorherrschenden Bild von schwarzen Menschen, die oft karikiert und überspitzt als „Wilde“ dargestellt wurden. Für die heutige Zeit ist es unvorstellbar, dass diese Motive in fast allen Orangenpapier-Sammlungen dominieren. Die Motivwelt der Zitruspapiere ist eigentlich eine fröhliche, bunte und vielfältige Welt zwischen naiver Volkskunst und professioneller Grafik und hat Sammler schön früh motiviert, diese Wegwerf-Papiere zu bewahren. Auch Museen beherbergen mitunter historische Orangenpapiere, wie das Buchheim-Museum in Bernried, das Victoria & Albert Museum in London oder das Papiermuseum Düren. Zwei Schenkungen aus dem Jahr 2014 und 2020 bilden im Papiermuseum Düren ein Sammlungskonvolut von über 3000 unterschiedlichen Papieren und dokumentieren damit einen Gebrauch von sehr speziellen Papieren, die immer seltener werden.

Papiermuseum

Wallstraße 2-8
52349 Düren
Tel.: 02421/25-2561

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