Adrián Balseca. A Chiasmatic Body
Ganztägig
Anlässlich seiner ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland präsentiert der ecuadorianische Künstler Adrián Balseca (*1989 in Quito) eine raumgreifende Installation, in der zwei seiner zentralen Werk- und Forschungszyklen erstmals in einer ortsspezifischen Inszenierung aufeinandertreffen.
Wie in einer Dunkelkammer sind die Ausstellungsräume in rotes Licht getaucht. In der Analogfotografie, Optik und Medizin nimmt das rote Licht in seinem elektromagnetischen Spektrum einen wichtigen Stellenwert ein: Als langwelliges Licht, das für Farbemulsionen unempfindlich ist, als warmes Licht, das eine beruhigende Wirkung hat und nachweislich den Sehnerv schont, als Infrarotlicht, das in unsere Hautschichten einzudringen und sie zu schädigen vermag. Darüber hinaus gibt es noch stärkere Wellen, die jenseits der lichtartigen und für uns wahrnehmbaren Strahlung liegen, die noch viel tiefer,
bis in unsere Zellkörper, eindringen können. Den ersten fotografischen Beweis für die bis dahin unsichtbaren X-Strahlen lieferte 1895 der deutsche Physiker Wilhelm Conrad Röntgen. Diese erste Röntgenaufnahme zeigt die Hand seiner Ehefrau Anna Bertha Ludwig samt Ehering und begründetet eine visuelle Transformation und Erweiterung des Sichtbaren. „Ich habe meinen Tod gesehen!“, war Anna Bertha Ludwigs Ausruf bei der Betrachtung der Aufnahme ihrer Hand. Und ohne die Zukunft und die große Tragweite, die mit dem gezielten Einsatz dieser Strahlung einhergeht, zu kennen, verweist dieser Satz bereits auf die Ambivalenz der Röntgentechnologie zwischen Transparenz und Unsichtbarkeit sowie zwischen Leben und Tod.
Ausgehend von zahlreichen Entdeckungen und Experimenten, aus denen industrielle, medizinische und militärische Technologien und Verfahren hervorgegangen sind, ergeben sich immer wieder auch Ambivalenzen: So tragen sie häufig zu lebensrettenden Maßnahmen für Menschen bei, sorgen jedoch sogleich für Beschädigung oder gar Zerstörung gesamter Ökosysteme. Das Sichtbarmachen solcher Ambivalenzen und das Reflektieren sowie Hinterfragen von anthropozentrischen Geschichtsschreibungen zugunsten von Perspektiven, die außerhalb eines ethnozentrischen, imperialen und kapitalistischen Standpunktes liegen, sind zentral für Balsecas künstlerische Arbeiten, in denen sich die Verbindungen zwischen Körper und Landschaft sowie Territorium und Gesundheit immer wieder gegenüberstehen und verflechten.
„The Skin of Labour“ (2016) untersucht die Ursprünge der Darstellung bewegter Bilder im Amazonasgebiet und deren Verflechtung mit der europäischen Ausbeutung in den gesamten panamazonischen Gebieten während des sogenannten „Kautschukbooms“. Das Wissen über die Art der Kautschuk-Gewinnung aus dem Kautschukbaum (Hevea brasiliensis) geht in Europa u.a. auf die Schriften des französischen Mathematikers Charles-Marie de La Condamine von 1751 zurück, die er während seiner Expedition im ecuadorianischen Amazonasgebiet zur Vermessung des Meridians verfasste. Aus dem Experimentieren mit dem „neuen Material“ in Europa folgten im Verlauf des 19. Jahrhunderts zahlreiche Erfindungen und Produkte, die bis heute einen essenziellen und alltäglichen Beitrag in den Bereichen der Medizin und Mobilität leisten. Beispielsweise zur Herstellung von Industrieerzeugnissen, wie Handschuhen und später Gummireifen, expandierte die Gewinnung von Kautschuk durch die systematische Ausweitung mitten im Amazonasgebiet und wurde durch die Versklavung indigener Gemeinschaften vorangetrieben. Diesen historischen Begebenheiten und Verflechtungen spürt Balseca in „The Skin of Labour“ nach und verweist sogleich auf die bis heute bestehende, kapitalistische Ausbeutung und Zerstörung des Amazonasgebiets, etwa zugunsten der Erdölförderung. Der Film, ursprünglich mit einer 16mm-Filmkamera auf Schwarz-Weiß-Film aufgenommen, nimmt die Betrachter*innen erneut mit auf eine Expedition in den Kautschukwald im Amazonasbecken: In einem menschenleeren Wald zeugen lediglich schwarze aus Butylkautschuk hergestellte Handschuhe entlang einer geraden, kultivierten Baumreihe von der Anwesenheit des Menschen und der Gewalt, die hier bis heute präsent ist.
In der zweikanaligen, im Raum überkreuz angeordneten Videoinstallation „Elogio a la Oscuridad“ (Ode an die Dunkelheit) (2011–2023) treffen zwei unterschiedliche Orte und Sphären aufeinander. Auf der linken Seite sehen wir eine karge Berglandschaft und verfolgen archäologische Arbeiten und Recherchen in den Obsidianminen von Mullumica in Ecuador, in denen das Vulkangestein seit den ersten
Ansiedlungen von Menschen in den Anden für die Herstellung von Werkzeugen, Waffen, zeremoniellen Objekten sowie für heilige Spiegel (sog. Rauchspiegel) zur rituellen Selbstwahrnehmung abgebaut wurde. Auf dem einen Kanal von Balsecas Videoinstallation ist ein künstlich-isolierter und hochtechnologisierter Raum zu sehen, in dem der Obsidian minutiös vermessen und zu einer Augenprothese des Künstlers verarbeitet wird. Die Videoarbeit verzichtet bewusst auf Sprache – sie stellt die Klänge der Bearbeitung des Steins und Umgebungsgeräusche in den Vordergrund. Der Obsidian wirkt und besteht somit in seiner Mehrdeutigkeit von der Frühzeit bis in die Gegenwart als Metapher der Spiegelung, des Sehens und der optischen Reflexion und Selbstwahrnehmung. Der Titel der Arbeit referiert auf das Gedicht „Elogio a la Sombra“ (1969) sowie den gleichnamigen Gedichtband des berühmten argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899-1986), der von Anspielungen auf antike Wahrnehmungstheorien von Blindheit, Dunkelheit und Schatten handelt.
Anlässlich seiner Ausstellung „A Chiasmatic Body“ in Düren ist ein vom Künstler gestaltetes Printmedium zum Mitnehmen entstanden, in dem sich nicht nur die dezidierte Recherche und Sammlung an historischen Grafiken zur jeweiligen Arbeit wiederfindet, sondern in der sich – wie in der Installation selbst – immer wieder Überkreuzungen ergeben, die Geschichten und Lesarten reflektieren und in Frage stellen.