Günther Haese, Mariensäule

Günther Haese
Mariensäule, 1957
Stein

Im Dezember 1854 verkündete Papst Pius IX. ein weiteres Dogma der katholischen Kirche, den Glaubenssatz von der „unbefleckten Empfängnis der Gottesmutter Maria“, der auf der Vorstellung beruht, Maria sei ohne „Erbsünde“ geboren. Der päpstliche Erlass führte zu einer Stärkung des Marienkultes und zur vermehrten Aufstellung von Mariensäulen. So wurde 1857 auch an der Nordseite des Dürener Marktplatzes eine neogotische Mariensäule eingeweiht, die im Zweiten Weltkrieg der großflächigen Bombardierung der Stadt vom 16. November 1944 zum Opfer fiel. 

Die Mariensäule von Günther Haese nahm hundert Jahre nach der Aufstellung des neogotischen Monuments dessen Stelle ein. Zu dieser Zeit war Haese Meisterschüler von Ewald Mataré an der Kunstakademie Düsseldorf und arbeitete als dessen Assistent, beispielsweise bei der Gestaltung der Bronzetüren am südlichen Querschiff des Kölner Doms. Die stilistische Nähe zu Mataré ist Haeses Ausführung der Mariensäule mit ihren glatten, geschlossenen Oberflächen und kompakten Volumina deutlich abzulesen. Zugleich fällt auf, wie weit Haese in seiner Interpretation des Themas von älteren Vorbildern abwich. Traditionell wurde Maria als Betende („Maria orans“), als Madonna mit Jesuskind oder mit einer segnenden Geste dargestellt; bekannte Beispiele wie die monumentalen Mariensäulen in München oder Trier zielten zudem auf eine starke Fernwirkung ab. Haeses bescheiden dimensionierte, introvertiert wirkende Figur ist allenfalls an dem charakteristischen Umhang als Maria zu erkennen. Dieser ikonografisch zurückhaltende Entwurf scheint auch der Tatsache Rechnung zu tragen, dass Religion in einer säkularen, pluralen Gesellschaft Privatsache ist.

Für Haese markierte seine frühe Dürener Auftragsarbeit nicht den Beginn, sondern eher den Abschluss einer künstlerischen Entwicklungsphase. Mitte der 1960er Jahre wurde er international bekannt mit filigranen Objekten aus Metalldraht und den Bestandteilen zerlegter Uhren, die er unter anderem in Einzelausstellungen im New Yorker Museum of Modern Art (1964), auf der documenta III (1964) und den Biennalen von Venedig (1966) und São Paulo (1969) zeigte.

 

Kurzbio:
Geb. 1924 in Kiel, gest. 2016 bei Hannover. 1950 bis 1957 Studium an Kunstakademie Düsseldorf, 1956/57 Meisterschüler bei Ewald Mataré. 1994 Ehrenprofessur des Landes Schleswig-Holstein.