Gerhard Marcks, Orpheus

Gerhard Marcks, Orpheus

Gerhard Marcks, Orpheus

Gerhard Marcks
Orpheus, 1959
Bronze
Höhe 240 cm

Die mythologische Figur des Orpheus gilt als Verkörperung des begnadeten Künstlers, dem fast nichts unmöglich war: Sein Instrument, die Lyra, erhielt er von Apollo, dem Gott der Künste, und mit seinem Gesang konnte er Götter und Menschen, Tiere und Pflanzen berühren und sogar Steine zum Weinen bringen. Allzu menschlich klingt dagegen die Geschichte, die Ovid in den Metamorphosen erzählt: Als seine Frau Eurydike stirbt, steigt Orpheus ins Totenreich hinunter und bittet Pluto, den Herrscher der Unterwelt, sie zurückholen zu dürfen. Sein Wunsch soll in Erfüllung gehen, unter der Bedingung, sich auf dem Rückweg nicht nach Eurydike umzusehen – und so verliert er sie ein zweites Mal.

Gerhard Marcks beschäftigte sich mit dem Orpheus-Mythos bereits in den frühen 1920er Jahren, während seiner Zeit als Leiter der Keramikwerkstatt in Dornburg, die zum Bauhaus in Weimar gehörte. Zwischen 1927 und 1935 entwickelte er, auch angeregt durch eine erste Griechenlandreise, Bildfolgen zum Orpheus-Thema. 1948 erschien seine Mappe Orpheus. 10 Holzschnitte zu den Versen des Ovid. Die Bronzeplastik des Orpheus ist ein Abguss des Originals von 1959. Sie zeigt die Figur mit antikisierendem Gewand und Lorbeerkranz, jedoch ohne die zu erwartende Lyra, sondern mit einer Geige, deren Geschichte erst im frühen 16. Jahrhundert in Italien beginnt. Das Instrument soll womöglich auch die Anschlussfähigkeit des Orpheus-Themas an die Gegenwart anzeigen; tatsächlich entstanden in den 1950er Jahren auch mehrere Spielfilme, die von dieser Figur inspiriert waren, darunter Jean Cocteaus Orphée (1950) und Marcel Camusʼ Orfeu negro (1959). Zudem ist die Geige auch ein traditionelles Symbol für Flüchtigkeit und Vergänglichkeit, was inhaltlich mit dem Orpheus-Mythos korrespondiert.

Die Statue von Gerhard Marcks wurde dem Dürener Museumsverein im Leopold-Hoesch-Museum 1980 von der Dürener Industrie gestiftet. Anlass war das 75. Gründungsjahr des Museums. Von 1984 bis zum Baubeginn des Erweiterungsbaus 2007 stand sie rechts vom Eingang neben dem Museumsgebäude. Danach wurde sie auf der Wiese vor der Musikschule an der August-Klotz-Straße, Ecke Tivolistraße aufgestellt.
 

Kurzbio:
Geb. 1889 in Berlin, gest. 1981 Burgbrohl (Eifel). 1919 Berufung an das Bauhaus in Weimar, bis 1925 Leiter der Töpferwerkstatt in Dornburg. 1925 bis 1933 Leiter der Bildhauerklasse an der Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein in Halle; 1933 Entlassung aus dem Lehramt. 1937 Ausstellungsverbot und Beschlagnahmung zahlreicher Werke; fünf Objekte werden in der Ausstellung „Entartete Kunst“ vorgeführt. 1945 Berufung an die Landeskunstschule in Hamburg. Arbeitet ab 1950 als freier Künstler in Köln. 1969 Gründung der Gerhard-Marcks-Stiftung in Bremen.