Edmund Meusel, Junge mit Ziehharmonika

Edmund Meusel
Junge mit Ziehharmonika
​Herstellung der Gussform um 1928/29
Steinguss
Höhe ca. 90 cm

Lange war die „Identität“ der Figur eines Jungen mit Ziehharmonika im Willy-Brandt-Park ungeklärt, bis die Dürener Geschichtswerkstatt in ihrer Zeitschrift Spuren vom August 2021 ihre Recherchen zu dem Objekt veröffentlichte. Demnach handelt es sich um einen Steinguss, der in zahlreichen Exemplaren von einer Gipsform angefertigt wurde und daher in mehreren Städten zu finden ist. Wie es zur Aufstellung der Dürener Figur kam, ist noch offen; im Sommer 2021 sorgten die Pétanque-Freunde Düren e.V. für ihre Restaurierung.

Urheber der Gussform war der Coburger Bildhauer und Porzellankünstler Edmund Meusel. Der „Junge mit der Ziehharmoniker“ ist Teil einer umfangreichen Gruppe dekorativer Gartenskulpturen, die Meusel aus Anlass der „Deutschen Rosenschau“ in Coburg 1929 entwarf; zu ihr gehören unter anderem ein Lautenspieler, ein Junge mit einem Vogel, ein Junge auf einer Schildkröte, der als Wasserspeier dient, ein Junge auf einer Pauke, ein Gärtnerjunge und so fort. Diese Figuren erfreuten sich so großer Beliebtheit, dass sie bis in die 1950er Jahre nach Meusels historischen Gipsformen reproduziert wurden. Der „Junge mit der Ziehharmoniker“ war sogar so stark nachgefragt, dass aufgrund von Abnutzungserscheinungen eine zweite Gussform hergestellt werden musste.

Allen Figuren gemeinsam ist ihr puttenhafter Charakter (putto lat. „Knäblein“). Putto-Darstellungen gibt es seit der Antike; die vielleicht bekanntesten Beispiele sind die beiden Engel am unteren Bildrand von Raffaels Sixtinischer Madonna. Puttenmotive verdanken ihre Popularität auch dem sogenannten „Kindchenschema“; ihre Gesichts- und Körperproportionen – wie Pausbacken, hohe Stirn, überproportional großer Kopf – funktionieren evolutionsbiologisch als ein Schlüsselreiz, der Schutz- und Kümmerverhalten auslöst. Das Kindchenschema findet sich nicht nur bei Menschen, sondern auch bei höheren Tierarten, also überall da, wo der Nachwuchs längere Zeit auf Fürsorge angewiesen ist.


Kurzbio
Geb. 1876 in Sonneberg (Thüringen), gest. 1960 in Coburg (Bayern). Sohn eines Modelleurs. Studium an der Sonneberger Industrieschule. Tätigkeit in der Porzellanindustrie. Ab 1907 selbstständiger Bildhauer in Coburg. Ab 1921 städtisches Atelier im Hofgarten von Coburg. Gestaltung von dekorativen Kleinplastiken, aber auch von großen Formaten; zahlreiche Auftragswerke, darunter ein Kriegerdenkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (1927) und ein bronzenes Hitler-Porträt (um 1932/33). Nach dem Zweiten Weltkrieg Ausgestaltung von Kirchen in Oberfranken.