Kunstwerk von Carl Ebbinghaus

Kunstwerk von Carl Ebbinghaus

Carl Ebbinghaus
ohne Titel
Steinskulptur

Der Autor und die Datierung der Steinskulptur waren lange in Vergessenheit geraten, bis der Dürener Historiker Achim Jaeger 2018 Baupläne, historische Fotografien und andere Dokumente veröffentlichte, die eine Rekonstruktion ihrer Entstehungsgeschichte ermöglichten.

Der Standort der Skulptur hat sich seit ihrer ersten Aufstellung nicht wesentlich verändert, wohl aber ihr Kontext und ihre Funktion. Der heutige Hoeschpark war bis Ende der 1920er Jahre ein privater, von einer Mauer umgebener Park der Hoesch-Villa, die zwischen 1908 und 1910 durch den Architekten Carl Sattler umgebaut wurde. Im Zuge dieser Umgestaltung beauftragte Sattler den Bildhauer Carl Ebbinghaus mit der Ausführung mehrerer dekorativer Skulpturen.

Die sitzende weibliche Figur ist durch den Krug in der rechten Hand als Gestalt der griechischen Mythologie, als Najade oder Wassernymphe, gekennzeichnet. Im Mythos wachten Najaden über Quellen, Bäche, Flüsse und Seen. Tatsächlich diente der Krug zunächst als Wasserspeier, und die Skulptur war in der Nähe eines Weihers platziert. Eine historische Fotografie zeigt, wie diese in die Umgebung einbezogen und sorgfältig inszeniert war; von der gegenüberliegende Seite eines Teichs gesehen, stand sie leicht erhöht auf ihrem Sockel, umgeben von Bäumen und Sträuchern, die ihren Charakter als „Naturgottheit“ betonten. Der rechteckige Sockel gibt wohl auch die Position vor, aus der die Skulptur idealerweise betrachtet werden sollte. Carl Ebbinghaus war Schüler des Münchner Bildhauers und Kunsttheoretikers Adolf von Hildebrand; dieser vertrat die Auffassung, dass eine Skulptur nur von einem Punkt aus ihre ideale Wirkung entfaltet. Die Fernwirkung und die Reduktion von Details, die an der Gartenskulptur auffallen, folgen diesem Grundsatz.

Der New Yorker Börsencrash des Jahres 1929, der als Schwarzer Freitag in die Geschichte einging, zwang die Besitzer der Villa, Hermann und Adele Hoesch, das Anwesen zu verkaufen. Der ehemals private Park wurde Ende der 1930er Jahre in einen städtischen „Volksgarten“ transformiert, der Teich Anfang 1939 trockengelegt. Der Krug der Najade verlor damit seine Funktion. In den zahlreichen Zeitungsartikeln über die Umgestaltung des Areals blieb unerwähnt, dass dem Mythos zufolge Najaden sterben, wenn ein Gewässer austrocknet. Anfang der 1950er Jahre wurde die Skulptur, die im Zweiten Weltkrieg nicht wesentlich beschädigt wurde, in der Nähe des vorherigen Standorts wieder aufgestellt.
 

Kurzbio:
Geb. 1872 in Hamburg, gest. 1950 auf Schloss Neuburg am Inn. Bildhauer und Medailleur. 1908/09 Studium an der Münchner Kunstakademie bei Adolf von Hildebrand, ab 1909 in Berlin tätig. 1940 erblindet.

Lit.:
Achim Jaeger, Rund um die Dürener Stadtmauer in Wort und Bild, Düren 2018.