Adolf Wamper
Lebensbaum, 1954
Kirchheimer Muschelkalk
275 x 190 cm
Das Gebäude des Stiftischen Gymnasiums am Altenteich wurde Anfang der 1950er Jahre errichtet und 1952 bezogen. Am 18. und 19. März 1954 wurde an der Fassade der Aula, links neben dem Eingang, ein Relief nach einem Entwurf von Adolf Wamper angebracht. Der Architekt Karl Theodor Atzpodien (1913–2012) notierte dazu, das Leitmotiv des Reliefs sei „die Erziehung und Bildung des jungen Menschen, die Pflege der Wissenschaft und Künste“; dies „sollte an dem Symbol des jungen aufwachsenden Baumes, der pflegenden und leitenden Frauengestalt und dem sich aufreckenden, höherstrebenden Knaben aufgezeigt werden.“ Damit entsprach Wampers Entwurf den traditionellen Familien- und Rollenbildern der Zeit. In seinem Relief ist der „junge Mensch“, der erzogen und gebildet werden soll, männlich – vielleicht auch, weil das Stiftische Gymnasium eine Jungenschule war; die Koedukation wurde in Nordrhein-Westfalen erst in den 1960er-Jahren eingeführt. Die weibliche Figur ist gebeugt darstellt; ihre Körperhaltung wird durch eine Diagonale vorgeben, die an eine Dachschräge und damit an die häusliche Sphäre erinnert. Sie umfasst fürsorglich den Stamm des Lebensbaums, ein Motiv, das in vielen Kulturen ein Symbol der kosmischen Ordnung oder des ewigen Lebens ist.
Anlässlich der Anbringung des Reliefs veröffentlichte die Dürener Zeitung am 24. März 1954 einen Artikel und beschrieb das Kunstwerk als „beseelte Form, die eine Brücke schlägt zwischen dem Gedankengute der Antike und dem humanistischen Bildungsideal der Jetztzeit.“ Am Ende des Beitrags wird in den biografischen Angaben unter anderem erwähnt, dass Wamper „1935 Aufträge für Plastiken auf dem Olympischen Sportfeld in Berlin“ übernommen hatte. Gemeint waren zwei großformatige Hochreliefs am Eingang zur Dietrich-Eckart-Bühne, der heutigen Waldbühne: links zwei Athleten mit Schwert und Fackel, rechts zwei weibliche Musen mit Lorbeerzweig und Lyra. Damit war nicht offen ausgesprochen, aber doch impliziert, dass Wamper während der NS-Zeit an prominenter Stelle staatliche Auftragsarbeiten ausgeführt hatte. Die Angaben zu seiner Vita enden mit dem Hinweis, dass er seit 1948 „die Abteilung für Plastik in der Essener Folkwang-Werk-Kunstschule“ leitete, seine Laufbahn also nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fast nahtlos erfolgreich fortsetzen konnte.
Im Zuge der Diskussion über Wampers „Flammenengel“ am Kaiserplatz, die 2011 in der Stadtgesellschaft aufkam, entwickelte die Fachschaft Geschichte des Stiftischen Gymnasiums – analog zur Informationstafel am Sockel des „Flammenengels“ – eine im Schulgebäude angebrachte Informationstafel, um das Lebensbaum-Relief historisch zu kontextualisieren. Die obenstehenden Zitate sind dieser Informationstafel entnommen.
Weiterführende Literatur:
Achim Jaeger, „Exkurs: Das Reliefbild an der Aula des Stiftischen Gymnasiums“, in: ders., Rund um die Dürener Stadtmauer in Wort und Bild. Mit der Festrede zum 10. Geburtstag des Leopold-Hoesch-Museums von Michael Lentz, Düren 2018, S. 550–553, S. 568, Anm. 47–52 (mit dem Wortlaut des Informationstextes)

